Warum selbst vollständig sanierte Schäden oder Ereignisse aus der Objektgeschichte den erzielbaren Kaufpreis beeinflussen können.
Von Sebastian Drießen, Sachverständiger für Immobilienbewertung und Lead Marktwertermittlung bei Sprengnetter
Mehr als ein “ungutes Gefühl”
Ein Wasserschaden ist fachgerecht saniert. Ein Brandschaden vollständig behoben. Und doch reagiert der Markt sensibel. Kaufinteressenten zögern, verhandeln stärker oder springen im Zweifel ganz ab.
Genau hier entsteht der merkantile Minderwert: Dort, wo ein technischer Mangel zwar vollständig beseitigt wurde, am Markt jedoch ein „ungutes Gefühl“ verbleibt.
Für Immobilienmakler ist dieses Phänomen in der Praxis hoch relevant. Denn die Wertminderung entsteht nicht durch einen aktuellen Schaden, sondern durch die Wahrnehmung der Marktteilnehmer. Käufer berücksichtigen Unsicherheiten, Imageschäden oder emotionale Faktoren – selbst dann, wenn ein Objekt technisch wieder vollständig instandgesetzt ist.
Ein Beispiel aus der Praxis:
In einem Einfamilienhaus wurde vor einigen Jahren ein größerer Wasserschaden vollständig beseitigt. Die Sanierung wurde fachgerecht durchgeführt, das Gebäude befindet sich technisch in einem einwandfreien Zustand. Dennoch reagieren Kaufinteressenten bei der Vermarktung zurückhaltend. Einige äußern Bedenken hinsichtlich möglicher Folgeschäden, andere sehen ein erhöhtes Risiko. Das Ergebnis: Der erzielbare Kaufpreis liegt häufig unter dem Niveau vergleichbarer, unbelasteter Immobilien.
Auslöser für merkantile Minderwerte
Typische Auslöser für merkantile Minderwerte können frühere Schadensfälle wie Wasser- oder Brandschäden sein. Ebenso können tragische Ereignisse im Objekt oder andere Vorbelastungen dazu führen, dass Kaufinteressenten sensibler reagieren und ihre Preisvorstellungen entsprechend anpassen.
Für Makler entsteht dadurch häufig eine besondere Herausforderung. Verkäufer orientieren sich verständlicherweise am Zustand des sanierten Objekts, während Käufer die Vorgeschichte in ihre Preisüberlegungen einbeziehen. Ohne eine fundierte Einordnung kann diese Diskrepanz schnell zu schwierigen Verkaufsprozessen, längeren Vermarktungszeiten oder zähen Preisverhandlungen führen.
Wichtig ist dabei: Der merkantile Minderwert ist keine feste Größe. Pauschale Prozentangaben greifen in der Regel zu kurz. Entscheidend sind immer die konkrete Marktsituation, die Art des Ereignisses, die Objektart sowie die Wahrnehmung potenzieller Käufer.
Gerade bei sensiblen Schadens- oder Imagesituationen entscheidet die Qualität der Argumentation über Vertrauen, Haftungssicherheit und Verhandlungserfolg. Wer das Phänomen des merkantilen Minderwerts versteht und nachvollziehbar einordnen kann, stärkt seine Beratungskompetenz und schafft Transparenz für alle Beteiligten.
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