Mehr Speed, weniger Risiko: Benedikt Böhm im Interview mit dem IVD

Drei Skibergsteiger mit Skiern auf dem Rucksack steigen über Geröll auf eine gewaltige, vergletscherte Bergflanke zu.

Bei den Berlin-Brandenburger Immobilientagen 2026 des IVD steht Benedikt Böhm mit seinen Themen auf der Bühne – Extremsportler, Unternehmer und Vordenker in einer Person. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt: über seinen Weg als Unternehmer, über Entscheidungen unter Druck und darüber, was ihn abseits der Bühne wirklich antreibt.

Benedikt, was hat dich am Berg gelehrt, das dir als Unternehmer bis heute mehr bringt als jedes BWL-Wissen?

Der Berg war und ist für mich eine Lebensschule. Wir lernen vor allem durch das Tun. Am Berg habe ich gelernt, meine Grenzen auszuloten und meine Leistungsfähigkeit nicht nur kennenzulernen, sondern sie durch viele Erfahrungen und auch durch Fehler kontinuierlich zu steigern. Eine der wichtigsten Erkenntnisse dabei ist, dass 80 Prozent des Erfolgs am Berg in der Vorbereitung liegen. Wenn es ernst wird, ist es zu spät, sich grundlegende Gedanken über Kondition, Ausrüstung, Route, Wetter oder das Team zu machen. Das gilt für mich genauso im Unternehmertum. Gute Vorbereitung schafft die Grundlage, um im entscheidenden Moment handlungsfähig zu sein.

Am Berg habe ich gelernt, unter Druck Entscheidungen zu treffen, im Team unter Extrembedingungen zu funktionieren, an meinen Ängsten zu arbeiten und Resilienz und Belastbarkeit zu entwickeln. Und vor allem, mich konsequent auf das wirklich Wesentliche zu fokussieren.

Denn am Berg wie im Unternehmen bekommt man selten alle Informationen, bevor man entscheiden muss. Man muss die Situation einschätzen, Verantwortung übernehmen und dann konsequent handeln. Vorbereitung ist die Basis, aber irgendwann muss man entscheiden und losgehen.

Dazu kommt der bewusste Umgang mit der eigenen Zeit und Energie und deren Einteilung zwischen Beruf, Familie und den eigenen Zielen. Diese Erfahrungen haben mich stark geprägt.

Als du 2003 zu Dynafit kamst, war die Marke klein und im Markt kaum noch relevant. Gemeinsam mit dem Team ist daraus ein Weltmarktführer entstanden. Was war aus deiner Sicht der entscheidende Hebel für diese Entwicklung?

Wir haben das getan, was wir geliebt haben. Ich denke, diese fast obsessive Liebe zum Sport und zur Marke war eine ganz wichtige Voraussetzung dafür, dieses unglaubliche Momentum für Dynafit zu entwickeln. Für uns ging es nicht nur darum, die Marke neu zu erfinden, sondern ein Stück weit den gesamten Sport. Wir wollten ihn im wahrsten Sinne des Wortes leichter machen. Leichteres Material, einfachere Bedienung und dadurch mehr Spaß am Sport. Gleichzeitig wollten wir Skitourengehen durch eine Marke wie Dynafit sichtbarer, moderner und attraktiver machen.

Wir haben uns immer wieder gefragt, was wir selbst gerne tragen und benutzen würden. Und genau das haben wir entwickelt. 

Ein wichtiges Credo war „develop the core – then add more“. Also nicht alles gleichzeitig anzupacken, sondern aus einem starken Kern heraus Schritt für Schritt zu wachsen. Von einer reinen Ski-, Bindungs- und Skischuhmarke hin zu Textil und später von einer Wintersportmarke zu einer Ganzjahresmarke.

Auf diesem Weg gab es unglaublich viele Hebel und genauso viele Fehler, aus denen wir teilweise schmerzhaft lernen mussten. Wenn ich mich aber auf einen einzigen Hebel konzentrieren müsste, dann waren es die Menschen. Das Team und dieser gemeinsame Wille, aus Dynafit etwas Besonderes zu machen. Und die Fähigkeit, immer mehr Menschen für diese Idee zu begeistern und mitzunehmen.

Viele dieser Erfahrungen und die aus meiner Sicht wichtigsten Hebel beschreibe ich ausführlicher in meinem aktuellen Buch „Summit Codes“.

"Mehr Speed, weniger Risiko" ist einer deiner Leitsätze. Wo begegnet dir diese Logik heute im Geschäftsalltag – abseits vom Berg?

Geschwindigkeit wird oft mit Hektik verwechselt. Für mich ist Geschwindigkeit aber nicht Hektik, sondern Harmonie. Und diese Harmonie ist hart erarbeitet. Sie ist das Ergebnis dessen, was vorher passiert ist. Deshalb ist Geschwindigkeit für mich eng mit einer weiteren Regel verbunden. 80 Prozent des Erfolgs sind Vorbereitung, die anderen 20 Prozent sind Flexibilität. Denn Geschwindigkeit braucht Kontrolle.

Im Geschäftsalltag werden wir genau dort langsam, wo Entscheidungswege, Verantwortlichkeiten und Prozesse unklar sind. Wo Know-how fehlt oder Entscheidungen immer wieder abgesichert und weitergereicht werden müssen. Ein gut vorbereitetes und eingespieltes Team kann dagegen sehr schnell sein, ohne hektisch zu werden.

Am Berg gilt dieselbe Logik. Ohne Erfahrung, Know-how und akribische Vorbereitung habe ich keine Chance, einen Achttausender in Rekordzeit zu besteigen. Im Gegenteil, der Versuch wäre gefährlich. Gerade in der Todeszone ist Geschwindigkeit kein Selbstzweck. Sie reduziert die Zeit, in der ich mich einem extrem hohen Risiko aussetze. Mehr Speed und weniger Risiko sind deshalb für mich kein Widerspruch. Richtig vorbereitet bedingen sie sich gegenseitig.

Du sagst, Innovation bedeutet für dich vor allem Leichtigkeit, beziehungsweise die Kunst, wegzulassen. Wonach entscheidest du, was Ballast ist und was zählt?

Ich habe mich oft an einer Fragestellung orientiert, die wir uns im Alltag und im Geschäftsleben zum Glück nur selten stellen müssen. Was würde ich mitnehmen und was würde ich weglassen, wenn es um mein Leben ginge?

Am Berg war Leichtigkeit eine Voraussetzung für Geschwindigkeit und Geschwindigkeit wiederum entscheidend für einen möglichst kurzen Aufenthalt in der Todeszone. Wir haben uns deshalb bei fast allem zwei Fragen gestellt. Macht es uns schneller, ja oder nein? Macht es uns sicherer, ja oder nein? Wenn wir beide Fragen mit Nein beantwortet haben, haben wir es weggelassen. Schnürsenkel, Knöpfe, Bändchen, überflüssiges Material. Gramm für Gramm. Es ging nicht darum, leicht um jeden Preis zu sein, sondern konsequent alles zu eliminieren, was keinen Beitrag zum Ziel leistet.

Im Geschäftsleben nenne ich diese Methodik die Anwendung von Eliminierungsfiltern. Immer wieder anhand der Markenstrategie und des Kundennutzens zu hinterfragen, ob das, was wir gerade tun, tatsächlich auf unser Ziel einzahlt.

Denn wirkliche Fokussierung bedeutet für mich, Ja zu allem Essenziellen zu sagen und konsequent Nein zu dem, was zwar wichtig erscheint, aber nicht wirklich entscheidend ist.

Ein Bergsteiger in grün-schwarzer Funktionskleidung steht mit Sonnenbrille und Mütze auf einem verschneiten Gipfelgrat, im Hintergrund ein weites Bergpanorama.

Am Berg entscheidest du in Sekunden. Was ist deine Faustregel für gute Entscheidungen, wenn die Lage unklar ist?

Meiner Erfahrung nach ist Panik der schlechteste Ratgeber. Panik und Hektik führen nicht nur zu schlechteren Entscheidungen, sie verunsichern auch die Menschen um uns herum.

Deshalb versuche ich zunächst, nicht dem sogenannten Action Bias zu verfallen – also dem Reflex, unbedingt etwas tun zu müssen, nur um das Gefühl zu haben, zu handeln. Souveränität kann auch darin liegen, eine Entscheidung bewusst noch nicht zu treffen, die Situation genauer zu betrachten und verfügbare Informationen zu sammeln.

Wenn eine Entscheidung aber nicht warten kann, versuche ich, zwei Dinge zusammenzubringen: die Einschätzung von Menschen, deren Urteil und Erfahrung ich vertraue, und meine eigene Intuition.

Denn Intuition ist für mich nicht einfach ein Bauchgefühl. Gute Intuition entsteht aus Erfahrung, Können, Wissen und unmittelbarer Wahrnehmung. Je größer dieser Erfahrungsschatz ist, desto verlässlicher kann die Intuition in Situationen werden, in denen für eine vollständige Analyse schlicht keine Zeit bleibt.

Meine Faustregel wäre deshalb: Nicht handeln, um etwas getan zu haben. Erst Ruhe in die Situation bringen, dann Informationen sammeln – und wenn die Zeit dafür fehlt, auf Erfahrung, Menschen mit Erfahrung und trainierte Intuition vertrauen.

Was unterscheidet in Ausnahmesituationen ein Team, das unter Druck zusammenwächst, von einem, das auseinanderfällt?

Wir sind durch „Push & Pull“ zusammengewachsen und dadurch mehr als ein Team geworden. Wir haben uns gegenseitig gezogen und angeschoben. Wirklich starke Teams werden irgendwann zu einer Einheit. Und eine Einheit schließt Lücken. Sie stellt die beste Entscheidung über das eigene Ego und den Wunsch, recht zu haben.

Situativ zu führenheißt, dass nicht immer derselbe führt. Je nach Situation übernimmt derjenige Verantwortung, dessen Stärke gerade gebraucht wird. So können die Schwächen und Ängste des einen durch den Mut, die Erfahrung oder die Fähigkeiten des anderen ausgeglichen werden. Wir haben dadurch Angst geteilt und Mut verdoppelt. Das war eine unglaubliche Erfahrung und ist für mich die höchste Stufe der Zusammenarbeit.

Die Voraussetzung dafür ist, das gemeinsame Ziel konsequent in den Mittelpunkt zu stellen und das eigene Ego im Griff zu haben. Gleichzeitig muss jeder seine Stärken und Schwächen kennen – und auch einschätzen können, wann der eigene Mut trägt und wann die eigene Angst vielleicht ein wichtiges Signal ist. 

Nicht jede Expedition gelingt. Wie gehst du mit deinen größten Rückschlägen um und was hilft dir, danach wieder Tritt zu fassen?

Meine Perspektive hat sich über die Jahre verändert. Früher habe ich das Umdrehen oft als Scheitern empfunden. Heute ist es für mich eine bewusste Option, auf die ich mich sogar vorbereite. Ich habe gelernt, dass Umdrehen – oder trotz minutiöser Planung eine andere Route zu wählen – Teil einer Expedition ist. Und letztlich auch Teil der Expedition Leben. Das beinhaltet die 20% Flexibilität, von der ich oben gesprochen habe.

Der größte Rückschlag am Berg ist, wenn jemand nicht mehr zurückkommt. Beruflich habe ich Rückschläge als Scheitern empfunden, wenn Projekte deutlich hinter den Erwartungen blieben und wir unsere Ziele so verfehlten, dass Gewinn, Beweglichkeit und Zukunftsfähigkeit des Unternehmens darunter litten. Bei wirklich schweren Rückschlägen hat mir vor allem mein Umfeld geholfen – privat wie beruflich. Meine engsten Kollegen waren zugleich meine engsten Vertrauten. Wir waren eine Einheit mit gemeinsamen Zielen. Mir persönlich haben bei Rückschlägen immer auch die Zeit und die Bewegung in den Bergen geholfen. Dort bekomme ich Abstand, der Kopf wird frei und ich finde Klarheit.

Entscheidend, um wieder Tritt zu fassen, war, Rückschläge anzuerkennen und darüber zu sprechen. Gemeinsam zu reflektieren, daraus zu lernen und das innere Schwungrad wieder in Bewegung zu bringen. Und dann den Blick wieder nach vorn – und nach oben – zu richten. Sich entweder auf ein anderes Ziel zu konzentrieren oder es noch einmal zu probieren. Denn das innere Schwungrad setzt sich vor allem durch eines wieder in Gang: durch neue Ziele.

Mit Helping Band und deinem Engagement für den WWF setzt du dich für Natur- und Meeresschutz ein. Warum sollte sich das aus deiner Sicht auch außerhalb der Umweltbranche jeder Unternehmer zur Aufgabe machen?

Ich mache es mir zur Aufgabe, weil mir die Natur selbst unglaublich viel gibt und weil ich die Veränderungen seit Jahrzehnten mit eigenen Augen sehe. Ich beobachte den drastischen Rückgang der Gletscher – Jahr für Jahr. Ganz egal, ob in den Alpen, im Himalaya oder anderswo. Ich sehe das Leben ein Stück weit wie einen Kreis. In der ersten Hälfte bekommen wir viel: von unseren Eltern, von der Gesellschaft, vom Staat – Bildung, Chancen und Möglichkeiten. In der zweiten Hälfte beginnt für mich die Zeit, etwas zurückzugeben: den eigenen Kindern, der Gesellschaft und vielleicht auch einem Anliegen, das einem persönlich besonders wichtig ist.

Bei mir ist dieses Anliegen der Schutz der Natur. Ich habe mich irgendwann ganz bewusst für den Natur- und Meeresschutz entschieden und dabei insbesondere für Schutzgebiete, weil ich sie für eines der effizientesten Mittel halte, um Lebensräume und Artenvielfalt langfristig zu erhalten.

Ich würde nicht bei Unternehmern anfangen oder aufhören. Wir alle leben auf dieser Erde, wir alle nehmen von ihr und nutzen ihre Ressourcen. Ich habe Helping Band ins Leben gerufen – um eine einfache Möglichkeit zu schaffen, wie sich jeder, der das möchte, am Schutz von Natur und Meeren mit bereits einem Euro beteiligen kann.

Bei den Immobilientagen dreht sich vieles um Wohneigentum – Zugang, Bezahlbarkeit, Zukunftsfähigkeit. Wie stehst du persönlich dazu: Lohnt es sich für dich, in die eigenen vier Wände zu investieren, oder zählt für dich eher Flexibilität?

Ich komme aus einer großen Familie mit fünf Geschwistern. Meine Eltern konnten sich nicht viel leisten. Aber zu meiner Geburt haben sie mit viel Mut ein großes Haus gekauft – und es bis an ihr Lebensende abbezahlt. Dieses Haus war wahrscheinlich eines unserer größten gemeinsamen Glücke und hat mich sehr geprägt. Den Verlockungen des Konsums gegenüber bin ich bis heute relativ immun. Viele Dinge empfinde ich eher als Belastung denn als Bereicherung. Der größte Luxus ist für mich Zeit und Raum. Als Kind habe ich erlebt, welche enorme Stabilität ein eigener Rückzugsraum geben kann. Unser Haus war dabei viel mehr als eine Immobilie. Es war ein Anker, ein Ort der Zuneigung, der Begegnung und der Sicherheit. Deshalb bin ich grundsätzlich ein großer Freund von Wohneigentum. Nicht unbedingt nur als Investment im finanziellen Sinne, sondern als Investment in Stabilität, Freiheit und ein Zuhause, das bleiben darf.

Weiterbildung für Immobilienprofis

Jetzt Newsletter abonnieren!

Wir erfüllen unsere Pflichten nach Art. 13 und 14 DSGVO .

Cinematic image of a conference meeting.